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Beijing Time:  
Sekten und rituelle Gewalt – wie die Ignoranz der Gesellschaft Täter schützt
2016-11-30   stoerenfriedas.de  stoerenfriedas.de    

Astrid westvang via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]Sekten und rituelle Gewalt sind ein Thema, über das in Deutschland nur sehr ungerne und wenn nur in dramatisierender Weise gesprochen wird. Sekten, wie zuletzt das spektakuläre Eingreifen der Polizei und des Jugendamtes, dass der ultrakonservativen christlichen Sekte „Die 12 Stämme“ in Deutschland 40 Kinder entzog, geraten nur dann in die Schlagzeilen, wenn es eben wie im obigen Fall nicht mehr zu übersehen ist. Ansonsten sind Kinder, die in einer Sekte groß werden, vollkommen der Macht der Eltern und damit der Ideologie der Sekte ausgeliefert. Wenn es um rituelle Gewalt geht, also zum Beispiel um Gewalt, die im Rahmen sogenannter „satanischer“ oder pseudoamagischer Handlungen ausgeübt wird, wollen viele nicht glauben, dass es diese Fälle wirklich gibt. Doch immer wieder melden sich Überlebende, deren Psyche oft erst als Erwachsene, nach dem Ausstieg aus der Sekte, die schrecklichen Erinnerungen freigibt, so grausam und schmerzhaft, dass auch die, die von ihnen erfahren, sie nicht glauben wollen. Rituelle Gewalt ist darüber hinaus ein Mittel, das eingesetzt wird, um Kinder für kinderpornografische Handlungen regelrecht zu brechen. „Rituell“ bedeutet hier, dass bestimmte Handlungen und Folter immer wieder wiederholt werden, bis die Kinder alle Gegenwehr aufgeben oder so stark dissoziative Symptome zeigen, dass sie die an ihnen vorgenommen Handlungen verdrängen bzw. scheinbar bereitwillig mitmachen. Was klingt wie aus einem schlechten Film, ist Realität – auch in Deutschland. Viele tun gerade rituelle Gewalt als ein von den Medien inszeniertes Thema ab. Aber rituelle Gewalt geschieht – sie wird Kindern hier in Deutschland angetan und die Menschen, die sie ausüben, sind nicht selten angesehene Mitglieder der Gesellschaft, die sich von der Mitgliedschaft in „geheimen Orden“ oder Ähnlichem Erfolg und Reichtum versprechen, für den sie ihre Kinder foltern lassen oder schlicht kranke Sadisten sind, die aus der Folter der ihnen ausgelieferten Kinder Vergnügen ziehen. Die Ignoranz der Gesellschaft – weil nicht sein kann, was nicht sein darf – schützt diese Täter. Nicht alle Sektenkinder sind ritueller Gewalt ausgesetzt. Aber jedes Kind in einer Sekte wächst fremdbestimmt und unter toxischen Bedingungen nicht nur für die Seele, sondern auch den Körper auf. Im Folgenden geht es vor allem um Gewalt, sexuellen Missbrauch und Misshandlung von Kindern in Sekten.

Häufigkeit und Symptome von ritueller Gewalt

Im Jahr 2010 wurden alle Therapeuten bundesweit befragt, ob sie von Patienten Hinweise zu ritueller Gewalt erhalten hätten. 213 Fälle wurden gemeldet.[1] Hier können allerdings nur die Fälle erfasst werden, die sich bereits in psychotherapeutischer Behandlung befanden. Die Dunkelziffer ist auch laut Aussagen von Kriminologen vermutlich deutlich höher. Da rituelle Gewalt oft sehr früh in der Kindheit und dann von Vertrauenspersonen ausgeübt wird, sind dissoziative Persönlichkeitsstörungen die Symptome. Sie führen dazu, dass bestimmte Persönlichkeitsanteile abgespalten werden, um die traumatischen Erlebnisse zu ertragen. Das wird im Allgemeinen auch „multiple Persönlichkeit“ genannt. Diese Persönlichkeiten können unabhängig voneinander existieren, oft auch ohne das Wissen der sogenannten „Hauptpersönlichkeit“ – der Begriff der „multiplen Persönlichkeit“ ist unter Psychiatern und Therapeuten jedoch nicht unumstritten. Genauso häufig wird der Begriff dissoziative Persönlichkeitsstörung verwendet. Auffällig ist, dass rituelle Gewalt oft lokal gehäuft auftritt, d.h. ein bestimmter Täterkreis dafür verantwortlich ist und sie oft über Generationen hinweg ausgeübt wird. In Deutschland sind faschistische Kreise dabei auffällig geworden. Obwohl sich viele Opfer nicht mehr oder ungenau an Orte und Zusammenhänge erinnern können, wird gerade dem Phänomen „ritueller Gewalt“ auch von seiten der Polizei in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Rituelle Gewalt ist perfide – unter der Dissoziation wird von den Kindern verlangt, selbst Gewalthandlungen auszuüben und somit selbst zu Tätern zu werden, die Schuldgefühle verstärken die Tendenz, zu schweigen. Da die Handlungen als so böse empfunden werden, vermuten nicht wenige, dass der „satanische“ Kontext oft nur von den Opfern empfunden ist, aber nicht unmittelbar existent sein muss. Die Kinderquäler müssen keine Satanisten sein.

Doch die Berichte ähneln sich. Oft existieren streng hierarchische Strukturen innerhalb dieser Sekten, die Kinder werden bereits im Alter von unter zwei Jahren so starkem Missbrauch unterzogen, dass ihr Bewusstsein sich schlicht weigert, sich an die Ereignisse als real zu erinnern oder sie auch nur zu benennen, so dass die Täter sich des Schweigens ihrer Opfer sicher sein können. Oft gibt es Sektenmitglieder mit medizinischen Kenntnissen, die die Grenzen zwischen Leben und Tod wahren, zum Beispiel, wenn Kinder unter Wasser gehalten oder auf andere Weise misshandelt werden, die keine Spuren hinterlassen soll. Da die Täter über alle Berufsgruppen verteilt sind, müssen Opfer fürchten, dass, wenn sie sich an vermeintliche Vertrauenspersonen außerhalb der Sekte wenden, diese ihnen entweder nicht glauben und sie wieder den Tätern ausliefern oder selbst Teil des rituellen Missbrauchs sind.

Wer in einer Sekte aufwächst, wächst in einem geschlossenen System auf. Der Ausstieg selbst wird oft als traumatisierend und mit großen Unsicherheiten verbunden wahrgenommen, da Selbstständigkeit und Individualität kontinuierlich unterdrückt wurden und ein Selbstwertgefühl außerhalb des Kollektivs der Sekte nicht existiert. Da die Kinder nichts anderes kennen, können sie selbst die Missbrauchserfahrungen nach außen nicht formulieren, da ihnen für den Missbrauch andere Begriffe beigebracht wurden – von „Erziehung“ bis „heilige Handlung“. So wird der Kontakt zu Vertrauenspersonen außerhalb des Missbrauchs für Kinder so gut wie unmöglich, da sie gar keine Sprache für das haben, was ihnen geschieht.

In den USA, wo das Spektrum religiöser Sekten sehr viel größer ist als in Deutschland, zeigen Erhebungen seit den 1980er Jahren jährlich mehrere hundert solcher Fälle, die Therapeuten und Opferberatungsstellen bekannt werden. Nicht jede der Geschichten lässt sich jedoch beweisen, oft werden die Aussagen der Opfer in Zweifel gezogen. Die Geschichten von Säuglingstötungen, Vergewaltigungen und Verstümmelungen ließen sich bisher nur in den seltensten Fällen durch Spuren am Tatort beweisen – was viele auf die mangelnde Erinnerungskraft der Opfer zurückführten oder die Fälle für schlicht erfunden erklärten. Auf die Idee, dass die Täter vielleicht besonders planvoll vorgehen, um ihre Spuren zu vertuschen, will offensichtlich niemand kommen. Hier kann auf eine Art kollektive Verdrängung hingewiesen werden – die Verbrechen, die bestialische Gewalt, von der Kinder im Rahmen ritueller Gewalt berichten, bringt auch für die, die sie hören, das Vertrauen in die Gesellschaft, in die Menschlichkeit als Ganzes ins Wanken – und wird daher lieber abgestritten, als für wahr anerkannt. In den USA wurde und wird die Debatte um rituelle Gewalt sehr viel heftiger und öffentlicher geführt als hier. Einige halten sie für ein Hirngespinst von Feministinnen und Verschwörungstheoretikern. Doch die Fälle und die Berichte der Überlebenden, die unabhängig voneinander immer wieder ähnliche Geschichten vortragen – Opferung Neugeborener, Tieropfer, rituelle Vergewaltigung, Zwang, selbst Gewalt auszuüben und Leichenschändung, bleiben und ähneln sich auch über die Kontinente hinweg.

Fehlende Beweise – fehlende Erinnerung

In den USA gibt es daher die Bewegung „Believe the Children“, die diese Geschichten systematisch sammelt und den Behörden ihren mangelnden Glauben in die Berichte der Überlebenden zum Vorwurf macht. So konnte sie den rituellen Missbrauch in Kinderbetreuungseinrichtungen in verschiedenen Bundesstaaten festhalten. Die Kinder sprachen übereinstimmend von „Masken“, „Roben“ und „Kerzen“ und beschrieben Tieropfer. Sie konnten sich nicht abgesprochen haben, und auch nicht durch Lesen an die entsprechende Information gekommen sein. Immer wieder kam es in den USA zu spektakulären Anklagen durch mehrere hundert Kinder – aber immer wieder wurden die Prozesse eingestellt, die Opfer als unglaubwürdig „entlarvt“, weil sich keine Beweise finden lassen wollten. Von einer „Massenhysterie“, die die Medien mitinszenierten, ist im Zusammenhang mit diesem Thema auch in Deutschland die Rede.  Eine Umfrage von „Believe the Children“ konnte aber zeigen, dass viele der Eltern vor den Aussagen ihrer Kinder nie zuvor von ritueller Gewalt gehört hatten, die Kinder also nicht indoktriniert oder aufgehetzt haben konnten. Also werden hier nicht vielleicht Opfer systematisch zum Schweigen gebracht? Woher stammen dann all diese Geschichten, die Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen, die schweren psychischen Symptome? Nur weil sich keine Spuren und Beweise finden – heißt das, die Taten haben nicht stattgefunden, nur weil sie allein in der Erinnerung der Opfer existieren? Ist nicht vielleicht gerade das das erschreckendste und verstörendste Merkmal der rituellen Gewalt? Es gibt genug Therapeuten und Opferberatungsstellen, die genau darauf immer wieder hinweisen – rituelle Gewalt und Missbrauch von Kindern in Sekten findet statt – auch in Deutschland. Viele Fragen – woher zum Beispiel die immer wieder angeführten Säuglingsopfer stammen sollen, kann mit dem internationalen Handel von Kindern aus der 3. Welt beantwortet werden. Woher stammt diese Nachfrage – und wo landen diese Kinder?

Zur Struktur ritueller Gewalt

Das Problem der rituellen Gewalt auch in Deutschland ist, dass wir außer den Aussagen der Opfer so gut wie keine Beweise haben. Kinder reagieren darauf mit einer Abspaltung der erlebten Gewalterlebnisse, der sogenannten Dissoziation, oft sind es ja die engsten Vertrauenspersonen, die diese ausüben. Es ist außerordentlich schwierig, einzelnen „Sekten“ die Verbrechen zuzuordnen bzw. nachzuweisen.

Kinder werden im Zuge ritueller Gewalt nicht nur direkter Gewalt oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt, die immer wieder wiederholt wird, sie werden oft auch systematisch einer Gehirnwäsche unterzogen, indem die Eltern tagsüber leugnen, was nachts an den Kindern geschehen ist, oder sie werden gezwungen, geliebte Menschen zu verraten oder geliebte Haustiere zu töten. Der seelische Missbrauch ist ein ebenso entscheidender Teil der rituellen Gewalt wie der körperliche. Den Kindern wird systematisch beigebracht, dass sie wertlos sind, dass ihre eigenen Gefühle nicht der Wirklichkeit entsprechen und dass sie niemandem um sich herum vertrauen können. Gleichzeitig werden sie oft bedroht, dass sie, wenn sie den Kult verraten, getötet werden oder aber Familienangehörige. Es kommt zum Einsatz von Drogen – und den Kindern wird beigebracht, zu einer Gruppe von Auserwählten zu gehören. Auch wird ihnen gedroht, dass ihnen ohnehin niemand glauben wird und man sie für verrückt halten wird – eine Drohung, die durch die Erfahrung bestätigt wird. Es gibt Berichte von professionellen „Spaltern“, die bewusst bei Kindern durch rituelle Gewalt dissoziative Persönlichkeitsstörungen hervorrufen, um sie später für ihre Zwecke manipulieren zu können. Das alles klingt so abscheulich, so abstrus, dass die Gesellschaft lieber wegsehen will, als Verantwortung zu übernehmen. Doch die Beweise werden nicht weniger.

„Kinder, die sexuell angegriffen werden, erleben sehr wahrscheinlich eine traumatische Dissoziation. Sie sind von Erwachsenen zum bloßen Überleben abhängig, so dass sie sich nicht erlauben können, die überwältigende Hilflosigkeit und Schmerzen zu fühlen, die auf den Missbrauch folgen. Sie können körperlich nicht entkommen, aber oft fliehen sie seelisch. Der Prozess der traumatischen Dissoziation, den missbrauchte Kinder erleben, ist vermutlich weniger eine bewusste Entscheidung als eine biologische Reaktion, die Schmerzen zu erleichtern.“ [2]

Gelingt den misshandelten Kindern der Ausstieg nicht, so werden sie selbst zu Tätern. Ihre abgespaltene Gefühlswelt ermöglicht es, anderen die Pein zuzufügen, unter der sie selbst litten.

Multiple Persönlichkeiten oder dissoziative Persönlichkeitsstörung

Das Entwickeln einer „multiplen Persönlichkeit“/ dissoziativen Persönlichkeitsstörung oder das Hören innerer Stimmen stellt ebenfalls Überlebensmechanismen der misshandelten Kinder dar. Oft tauchen die unterschiedlichen Persönlichkeiten im späteren Leben immer wieder auf, wenn das Opfer durch Gerüche oder andere Situationen an den Missbrauch erinnert, also getriggert wird. Das Entwickeln verschiedener Persönlichkeiten hat verschiedene Ebenen und Ausprägungen. Wurde ein Kind zum Beispiel dazu gezwungen, ein Tier zu verstümmeln oder anderweitig selbst zum Täter zu werden, so kann diese Handlung auf eine  Persönlichkeit abgespalten werden, die bereit ist, zu solchen Taten, ohne dass die Integrität der Hauptpersönlichkeit „ein guter Mensch zu sein“, gefährdet wird. Ein anderer Weg ist, den Täter zu verinnerlichen, also, um das Gefühl der Hilflosigkeit zu überwinden, die Sätze und Handlungen selbst auszuführen oder für gut zu befinden, und so ein Gefühl der Kontrolle oder Macht zu entwickeln. Betroffene sprechen von „Beschützer“-Persönlichkeiten, die trösten, andere Persönlichkeiten werden als per se „böse“ wahrgenommen, weil sie in der Lage sind, auch gewalttätig zu werden, auch gegenüber Unschuldigen und dabei keine Reue zu empfinden. Durch Therapien können die Betroffenen lernen, die unterschiedlichen Personen miteinander agieren zu lassen und so wieder zu „integrieren“. Dazu gehört der Prozess, die schmerzhaften Erinnerungen zuzulassen, der für die Überlebenden sehr belastend ist und ihr ganzes Leben zum Einsturz bringen kann.

In Deutschland engagiert sich der Verein „Vielfalt e.V.“ für Betroffene von dissoziativen Persönlichkeitsstörungen/Menschen mit multiplen Persönlichkeiten und arbeitet seit Jahren in der Aufklärung und Opferfhilfe zum Bereich rituelle Gewalt.

Wer sind die Täter?

Tatsächlich ist es in Deutschland außerordentlich schwierig, Namen für die Täter ritueller Gewalt zu hören. Wir hören von den Opfern, von den Beratungsstellen, ja sogar von der Polizei. Doch wer steht dahinter, wer kann diese Art von Missbrauch in einem solchen Ausmaß ausführen und verstecken, ohne dass Namen damit verbunden werden? Immer wieder ist von „geheimen Logen“ und „Kultgemeinschaften“ die Rede. Wie aber bringt man einen Menschen dazu, zum Täter ritueller Gewalt zu werden?

Die Geschichte der „Geheimbünde“ reicht weit zurück. Auch heute noch schließen sich Menschen ihnen an, weil sich daraus berufliche Kontakte und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen, die den anderen, der „normalen“ Gesellschaft verschlossen bleiben. Ein solches Verhalten ist in einer demokratischen, transparenten und um Korruptionsfreiheit bemühten Gesellschaft schon per se kritisch, doch nicht jeder Geheimbund verübt rituelle Gewalt. Diejenigen, die es tun, haben perfide Rechtfertigungsdogmen, die sie zu „Auserwählten“ machen, die über die rituelle Gewalt zu besonderer Macht gelangen. Dabei wird auf die lange Geschichte von Kult- und Menschenopfern verwiesen, die moralischen Grenzen neuer Mitglieder werden kontinuierlich aufgeweicht, bis solche Missbrauchstaten zur eigenen Aufwertung als gerechtfertigt erscheinen. Anderen Sekten geht es um ein „geheimes Ziel“, die Anweisungen eines Kultführers, der sadistisch veranlagt ist – oder selbst Opfer ritueller Gewalt ist und diese reinszeniert. Er bringt die Angehörigen des Kults dazu, es ihm nachzutun, indem er sie psychisch manipuliert und einschüchtert, sie zugleich aber durch ihre Glaubenszugehörigkeit über alle anderen erhöht.

Einige von ihnen glauben an die „Kraft des Bösen“ – verehren diese als einen Gegenentwurf zu Kirche und Gott, und meinen damit eigentlich nur eine unmittelbare, sofortige Triebbefriedigung, eine Art Umkehrung der christlichen Lehre. Berichte dieser Art von rituellem Missbrauch finden sich bereits unter Gnostikern vor über 1500 Jahren, andere versuchen immer wieder die „Freimaurer“  oder „Illimunati“ damit in Verbindung zu bringen, die ja erst im Zuge der Aufklärung entstanden, sich aber eben auf ein umfangreiches, schützenswertes Geheimwisssen berufen. Tatsächlich gaben bei einer Befragung von Opfern ritueller Gewalt 33 Prozent der Befragten an, die Misshandlungen seien durch Freimaurerlogen vollzogen worden, in denen die Eltern oder Väter Mitglieder waren.

Margaret Smith gibt an, dass sie bei ihren Studien zu ritueller Gewalt außerordentlich oft auf Hinweise zwischen ritueller Gewalt und den Freimaurern gestoßen sei.[3]

Aleister Crowley, der bekannteste Okkultist des vorletzten Jahrhunderts, gehörte ebenfalls zu den Freimaurern. Er beschäftigte sich intensiv mit „Sexualmagie“ und „Satanismus“ – und sah in der Anbetung des Bösen den einzig richtigen Weg. In seinem Book of Law beschreibt er detailliert eine Messe mit ritueller Gewalt, in der von Kindstötungen die Rede ist. Was weiter auf die Freimaurer hinweist, sind die wiederholten Berichte von „Roben“ und „Kerzen“, die ebenfalls in den Initiatonsriten der Freimaurer vorkommen, was keineswegs ein Beweis für die Schuldhaftigkeit aller Freimaurer ist.

67 Prozent aller Befragten gaben an, von mehr als einer Gruppe missbraucht worden zu sein, was für einen regen Austausch der Gruppen untereinander spricht – von der die Öffentlichkeit offensichtlich unbemerkt.

Andere sehen ihren Kult in „Natur“ oder „Rasse“ gerechtfertigt, weshalb rituelle Gewalt oft unter faschistisch-germanisch-neureligiösen Gruppen zu finden ist. Im Mittelalter gab es geheime Bruderschaften, in deren Quellen sich ebenfalls rituelle Gewalt erahnen lässt.

Problematischer „Sekten“-Begriff

Tatsächlich ist bereits der Begriff der „Sekte“ problematisch – da er von vielen als „Kampfbegriff für religiöse Minderheiten“ betrachtet wird. 1998 stellte eine Enquete-Kommission der Bundesregierung fest, im Rahmen der Glaubens- und Meinungsfreiheit gäbe es nur unterschiedliche Glaubensrichtungen, der Begriff der „Sekte“ sei diskriminierend. Tatsächlich haben sich Begriffe wie „Alternativreligionen“ oder „abweichende religiöse Vorstellungen“ im Sprachgebrauch, auch im juristischen und wissenschaftlichen durchgesetzt.  Es gibt verschiedene Theorien dazu, was eine Sekte ausmacht. Viele Sekten entstanden aus der Abspaltung von der Allgemeinkirche, indem sie bestimmte Aspekte daraus radikalisierten. Max Weber erklärte, in eine Glaubensgemeinschaft wie eine Kirche werde man hineingeboren, in eine Sekte begäbe man sich aufgrund einer freiwilligen Entscheidung. Niklas Luhmann ging von einer Art kollektiver Identitätsgebung dieser Gruppen aus, die jeden Diskurs nach außen verweigerte, weil alle Antworten innerhalb des kollektiven Diskurses zu finden seien. Diese vollkommene Abriegelung nach außen führt nicht selten zu Gewalt, wie die folgenden Beispiele zeigen:

– 1978 begingen 900 Mitglieder des Peoples Temple in Guyana Selbstmord

– Ervil LeBaron, Führer der Church of the Lamb of God, der in den 1970er Jahren 25 Menschen ermorden ließ

– Anschläge der Mitglieder der Osho-Sekte, die auch in Deutschland aktiv ist, die in der amerikanischen Kleinstadt The Dalles 1984 eine Salmonellen-Epidemie auslösten

– die bewaffnete Auseinandersetzung der Davidianer-Sekte 1993, bei der vier Beamte und 80 Mitglieder starben

– Massenselbstmorde der Sonnentempler in der Schweiz, Kanada und in Frankreich in den Jahren 1994-1997

– die bis heute aktive Colonia Dignidad in Chile, die Kinder rituell missbrauchte und für den Diktator Pinochet politische Gegner folterte

– im März 2000 kam es in Uganda zu einem Massenselbstmord des Movement for the Restoration of the Ten Commandments of God mit über 1.000 Toten

Deutschland: Überwachung der Sekten – Aufgabe von Kirche oder Staat?

In Deutschland ist das Spektrum der Sekten sehr viel geringer als zum Beispiel in den USA. Die Kontrolle oder Beschäftigung mit dem Phänomen der Sekten wurde in Deutschland lange Zeit ausschließlich der Kirche überlassen – die selbst genug Opfer sexueller Gewalt hervorgebracht hat. Noch aus der Zeit der Weimarer Republik stammen die Gesetze, die Kirchen als religiösen Gemeinschaften den Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts zugestehen. Neben den christlichen Kirchen hat das in Deutschland nur die islamische Ahmadiyya-Gemeinde. Mit diesem Recht sind verschiedene Privilegien, wie zum Beispiel die Steuern der eigenen Mitglieder, verbunden. Diese Gesetze verhindern allerdings auch, dass es in Deutschland eine klare Trennung von Kirche und Staat gibt. Kirchen nehmen Einfluss auf die Besetzung von Professuren. Gleichzeitig sind sie von staatlicher Seite dazu beauftragt, sich um alles, was sich um den Bereich der sogenannten Sekten dreht, zu kümmern. Der Staat hat die Kirchen damit alleingelassen – und damit auch die Opfer dieser Sekten – aber auch die Opfer der Kirchen selbst wie die immer wiederkehrenden Missbrauchsfälle innerhalb der Kirchen selbst. Die Kirchen nehmen für sich selbst in Anspruch zu entscheiden, wann und ob sie bei solchen Fällen die Staatsanwaltschaft einschalten.

„Immer wenn sich ideologische Welten entwickeln, die mit eigener ausschließlicher Werteskala daherkommen, sind Kinder durch die Familie und häufig genug durch das geschlossene Umfeld besonders betroffen. Die in einem freiheitlichen Staat im großen Maß ausgestalteten Elternrechte machen es schwierig, zum Wohl des Kindes zu intervenieren, wenn die Eltern oder ein Elternteil in einer abgeschlossenen Gruppe gefangen sind und diese Gruppe die Vorgaben macht, wie die Kinder aufwachsen müssen. Die Kinder aber sind quasi ohne Chance, sich den Indoktrinationen zu entziehen. Selbst bei der Ablösung von diesen Einflüssen, die in den meisten Fällen erst im Erwachsenenalter funktionieren, prägen die Jahre der Kindheit das ganze Leben.“[4]

Wie viele Kinder in Deutschland in „Sekten“ aufwachsen, ist also auch eine Frage der Definition. Bekannt sind in Deutschland die Zeugen Jehovas, zu denen rund 300.000 Mitglieder in Deutschland zählen, Scientology, weiter sogenannte Freikirchen, die reformatorischen Ursprungs sind und die Bezeichnung „Sekte“ streng ablehnen.

Sie gelten in Deutschland als selbstständige Glaubensgemeinschaften, zu ihnen gehören:

1. Mennoniten mit ca. 20.000 Mitgliedern, konzentriert im ostwälfischen Raum und dem Südwesten. Dort gibt es auch geschlossene Mennoniten-Siedlungen.

2. Baptisten mit 86.500 Mitgliedern

3. Quäker / Religiöse Gesellschaft der Freunde mit ca. 400 Mitgliedern und einem großen Freundeskreis

4. Herrnhuter Brüdergemeinde mit ca. 8.000 Mitgliedern

5. Evangelisch – methodistische Kirche mit ca. 43.800 Mitgliedern

6. Heilsarmee mit ca. 2.000 Mitgliedern

7. Christliche Gemeinschaftsverband Mühlheim a. d. Ruhr mit ca. 3.700 Mitgliedern

8. Selbständige Evangelisch – Lutherische Kirche mit ca. 43.000 Mitgliedern

9. Evangelisch – altreformierte Kirche Niedersachsen mit ca. 6.900 Mitgliedern

10. Gemeinschaft der Siebenten – Tags – Adventisten mit ca. 35.400 Mitgliedern in 582 Gemeinden“ [5]

Gerade Freikirchen organisieren die Erziehung und Betreuung ihrer Kinder in eigenen Schulen und es bestehen große Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen. Bekannt ist jedoch, dass es in Familien, die zu Freikirchen gehören, öfter zu Gewalt an Kindern kommt, weil diese als probates Erziehungsmittel betrachtet wird. [6]

Weiter gibt es die sogenannten „Charismatiker“, die in der letzten Zeit gerade in Deutschland verstärkt auftreten. Sie glauben an die Besessenheit von Dämonen, so dass sie bereits Dämonenaustreibungen an Kindern vornehmen, haben strenge hierarchische Strukturen und ideologische Vorstellungen, die den Zugang zu anderen Informationsquellen ausschließen. Kinder dieser „Glaubensrichtungen“ wachsen oft streng abgeschottet auf.

„Charismatische Bewegung / Pfingstler:

1. Klassische Pfingstkirche / Pfingstler im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden mit ca. 25.000 getauften Mitgliedern und ca. 33.000 erwachsenen Gottesdienstbesuchern in 470 Gemeinden

2. Neopentekostale Bewegung / Neupfingstler mit mehreren Zentren, zum Beispiel Berlin, Ruhrgebiet, Hamburg und Frankfurt / Main

3. Christliche Gemeinde Köln, deren Kern die sogenannten Hauszellgruppen mit nicht mehr als 15 Personen sind

4. Koinonia Giovanni Batista Hauptquartier in München

5. Gemeinde auf dem Weg Berlin

6. Evangeliumsgemeinde Menorah Versammlungen in Rottweil“ [7]

Weiter gibt es sogenannte „neuchristliche“ Gemeinschaften, die sich ebenfalls in Struktur und Ausrichtung stark unterscheiden:

„1. Christengemeinschaft mit 141 Gemeinden, ca. 12.000 Mitgliedern und ungefähr eine vierfache Anzahl an Freunden

2. Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde mit Schwerpunkt in den Bundesländern Sachsen, Thüringen und Nordbayern

3. Kirche Christi / Christliche Wissenschaft mit mehr als 90 Zweigkirchen und 6 Hochschulvereinigungen / Mitgliederzahlen werden nicht angegeben

4. Johannische Kirche mit ca. 3.000 Mitgliedern in 45 Gemeinden, Hauptsitz ist in Berlin

5. Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage – Mormonen; 16 Pfähle, einen Distrikt, 6 Missionen, 178 Gemeinden mit ca. 36.000 Mitgliedern / Ende der siebziger Jahre waren es ca. 22.000 Mitglieder. Sitz des Gebietspräsidenten für Europa ist Frankfurt / Main. Die Mormonen sind in 175 Städten bundesweit vertreten

6. Neuapostolische Kirche mit über 3.000 Gemeinden

7. Neue Kirche / Swedenborgianer mit wenigen hundert Mitgliedern und einem kleinen Freundeskreis“ [8]

Die kleinste Gruppe machen sogenannte freie „Apostelgemeinden“ aus:

„1. Apostelamt Juda – Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus mit ca. 6.000 Mitgliedern vorwiegend im Osten Deutschlands

3. Apostelamt Jesu Christi mit ca. 20.000 Mitgliedern, davon ca. 14.000 im Osten Deutschlands organisiert in ca. 190 Gemeinden

4. Reformiert – Apostolischer Gemeindebund mit ca. 3.000 Mitgliedern und rund 50 bis 60 Gemeinden

5. Apostolische Gemeinschaft, ca. 110 Gemeinden mit ca. 10.000 Mitgliedern

6. Apostolische Gemeinde von Hessen ausgehend“ [9]

Es zeigt sich also, dass in Deutschland schätzungsweise mehr als eine halbe Million Kinder unter dem Einfluss sogenannter „alternativer“ Glaubensrichtungen aufwachsen. Nicht jede von ihnen verübt Missbrauch – doch in vielen ist das Weltbild dogmatisch, die Möglichkeit zur individuellen Entwicklung eingeschränkt oder wird bewusst ausgeschlossen. Doch die „Glaubens- und Meinungsfreiheit“ schützt diese Ansichten und das Recht der Eltern, ihre Kinder diesen auszusetzen. Es ist äußerst problematisch, dass sich in Deutschland unter dem Begriff der Freiheit der Religionsausübung nur bei extremen Fällen die Justiz oder die Ordnungsbehörden für diese „alternativen Glaubensgemeinschaften“ interessieren. Ausstiegs- und Opferberatung wird in den meisten Fällen von selbstständigen oder kirchlichen Trägern organisiert.

Kinder als Sektenopfer

Eigene Kindergärten und Schulen, gemeinsame Wohnprojekte und Ähnliches sorgen dafür, dass die Kinder der „alternativen Glaubensrichtungen“ abgeschottet von abweichenden Weltbildern aufwachsen und frühzeitig indoktriniert werden. Problematisch wird es meistens erst, wenn eines der Elternteile die Glaubensgemeinschaft verlassen will und es zum Sorgerechtsstreit kommt, den viele Sekten mit großem Aufwand unterstützen. Das Schwierige an Sekten, ob an christlichen oder anderen, ist, dass hinter ihrem Weltbild auch ein elitärer Anspruch auf Erkenntnis steht, der entweder chiliastisch ist – also das Ende der Welt kennt, oder einen besonderen Plan Gottes, der durch Propheten oder Anführer verkündet wird. Sie alle halten sich für die wahrhaft Glaubenden, die über die anderen, ohne Erkenntnis, also die Nicht-Mitglieder, erhaben sind. Das zeigte in Deutschland zum Beispiel das Auftreten der Krishna-Sekte, aber auch Scientology. Dass das Problem der Inobhutnahme der Kinder aus Sekten kein neues Problem ist, zeigt ein Blick zurück in die letzten 20 Jahre. 1992 nahm die Polizei 16 Kinder der sogenannten „Familie der Liebe“ in einer ähnlichen Aktion wie jener 2013 gegenüber den „12 Stämmen“ weg – die Vorwürfe lauteten auf Missbrauch und Kinderprostitution. Bis heute bestreitet die Glaubensgemeinschaft, deren Gründer der kalifornische „Messias“ David Berg ist,  die Vorwürfe. Ein großer Teil seines Glaubensbildes beruhte auf „Sex als Grundbedürfnis“, das auch von Kindern zu befriedigen sei. Offiziell löste er die Sekte zwar 1978 auf, doch die „Familie der Liebe“ führte sein Andenken fort. Kinder wurden dazu angeregt, mit Erwachsenen und untereinander Sex zu haben. Viele Kinder berichteten von sexuellem Missbrauch, der unter dem Deckmantel von „Tabulosigkeit“ und „sexueller Befreiung“ stattfand.

Scientology

Auch die in den letzten Jahren in Deutschland Fuß fassende Scientology-Sekte zielt in ihrer Ausrichtung bereits frühzeitig darauf ab, Kinder zu indoktrinieren. L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, schrieb davon, Kinder frühzeitig „zum Besseren zu verändern“. Kinder sollen wie Erwachsene behandelt werden. Kinder müssen an dianetischen Sitzungen teilnehmen, einer Methode, die Hubbard entwickelt hat, um negative Einflüsse zu messen und sich anschließend in langwierigen psychischen und körperlichen Sitzungen von ihnen „reinigen“ lassen.  Sie nehmen am „Auditing“ teil, das sie in hypnoseähnliche Zustände versetzt und in dem Kinder über ihre Familien ausgehorcht werden und in einen ständigen Gewissenskonflikt geraten. Scientology nimmt Kindern durch diese Art der Indoktrination die Möglichkeit, die Welt selbst zu entdecken und belastet sie mit einem Gefühl der „Unreinheit“ oder „negativen Belastung“. Die Kinder entwickeln so Angst vor sich selbst und der Welt, die frühkindliche Bindung und das Sicherheitsbedürfnis werden gestört. Hier handelt es sich um eine Form des psychischen Missbrauchs. Hubbard lehnte zum Beispiel auch das Stillen als „nostalgisch“ ab und schlug stattdessen eine eigene Mischung für die Babyernährung vor. Frauen berichten auch von planmäßigen Abtreibungen, besonders im oberen Management, damit die Betreffenden nicht von ihren Aufgaben für die Sekte abgelenkt werden würden. Die Inanspruchnahme von Vermögen und Zeit gehört zu den Merkmalen von Scientology. Scientology wird in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.

Universelles Leben

Diese neuchristliche Gruppe hat zwischen mehreren tausend bis zehntausend Mitglieder in Deutschland und wurde von der Deutschen Gabriele Wittek gegründet. Sie ist seit 1975 die Prophetin der Gruppierung. In der Nähe von Würzburg verfügen sie über eigene „Christus-Betriebe“, Wohnanlagen und Schulen und produzieren Bioprodukte wie „Lebe gesund“ oder „Gut zum Leben“. Sie verstehen sich als urchristliche Gemeinde, die allen fanatischen Ansätzen entsagt, nach eigenen Angaben. Alle Kinder werden in eigenen Kindergärten untergebracht, doch die Gemeinde unterhält darüber hinaus noch weitere, staatlich anerkannte Betreuungseinrichtungen, in die auch der Gemeinschaft fremde Kinder untergebracht werden können. Die UL-Mitglieder glauben an Reinkarnation und dass sich Kinder ihre Eltern aussuchen. Ihre Seelen dürfen nicht bei Jesus im Himmel bleiben, weil sie sich im vorigen Leben „beschmutzt“ haben. Auch hier findet sich der Schuldkomplex, der Kindern aufgeladen wird. Harmonie gilt in den Gemeinschaften als oberstes Gebot, alle Konflikte werden strikt vermieden, so dass es kaum Möglichkeiten gibt, negativen Gefühlen überhaupt Ausdruck zu verleihen, die zum Leben und zum Erwachsenwerden dazugehören. Kinder sollen Zorn, Neid und Ähnliches sofort innerlich bereuen.  Individualität wird den Kindern konsequent aberzogen, die Gemeinschaft steht über allem. Der Bayrische Verwaltungsgerichtshof spricht bei der UL von einer „totalitären Struktur“, die jedoch keine verfassungsrechtlichen Berührungspunkte habe. [10] Tatsächlich wird Kritik von der Gemeinschaft selbst als Teil einer „Weltverschwörung“ betrachtet, die vor allem von der katholischen Kirche ausgeht.

Die Zeugen Jehovas

Die Gemeinschaft wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Pittsburgh gegründet. 1914, so verkündete Gründer Charles Taze Russell, werde Jesus wiederkommen. Die Wiederkehr blieb aus, die Gemeinschaft blieb und kam nach Deutschland. Die deutsche Zentale ist heute im hessischen Selters im Taunus. Die oberste Ebene der „alternativen Glaubensgemeinschaft“ befindet sich in New York. Die Kinder der Zeugen Jehovas werden durch die in der Gemeinschaft streng eingehaltenen Verhaltensnormen zu Außenseitern in Schule und Gesellschaft. Ihre Geburtstage und Weihnachten werden nicht gefeiert, sie dürfen auch in Notfällen keine Bluttransfusionen erhalten. Die Zeugen Jehovas zeichnen sich durch eine intensive Missionstätigkeit aus. Körperliche Züchtigung der Kinder gilt als ausdrückliches Erziehungsmittel. Sie glauben an die Entstehung des Paradieses auf Erden, in dem sie zu den Auserwählten gehören werden, weil sie sich an die rigiden Verhaltensnormen gehalten haben. Viele der Familien bekommen viele Kinder, Sexualität wird streng nur mit Fortpflanzung in Verbindung gebracht. Auf diese Weise erhält die Glaubensgemeinschaft beständigen Nachwuchs, der bereits in das Weltbild hineingeboren wird. Den Kindern wird vermittelt, ihr Verzicht würde nach der Wiederkehr Jesu belohnt werden. Sie bleiben dafür soziale Außenseiter, der Ausstieg ist nur schwer möglich.

Nicht alle Sekten oder „alternative Glaubensrichtungen“ misshandeln ihre Kinder oder führen rituelle Gewalt an ihnen durch. Vielen geht es gerade um ein liebevolles, friedliches und „alternatives“ Leben. Die Abschottung von der Welt soll auch ein Schutz vor ihrem Übel – Drogen, Gewalt, Werteverlust – sein. Doch die Abschottung nach außen und das geschlossene Weltbild führen dazu, dass Kinder außerhalb der Glaubensgemeinschaft keine Ansprechpartner haben – ein Klima, in dem Missbrauch besonders gut gedeihen kann. Außerdem handelt es sich um Glaubensüberzeugungen, die oft genug nicht mit dem Verstand in Einklang gebracht werden können – und aus diesem Grund auch nicht kritisch genug betrachtet werden können. Eine „selbstbestimmte“ Entscheidung ist nur schwer möglich, wenn es keine Alternativen und keine Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung gibt und das selbstständige Denken von klein auf unterdrückt wird und Individualität und Abgrenzung unmöglich gemacht werden.

Rituelle Gewalt existiert, sowohl innerhalb von Sekten, Geheimbünden und Kulten als auch außerhalb – die Berichte der Überlebenden, Studien und das steigende Interesse auch der Polizei zeugen davon. Sie übersteigt die Grenzen von dem, was sich die meisten von uns vorstellen können, was an Grausamkeit und Gewalt möglich ist. Doch das bedeutet nicht, dass sie nicht geschieht. Die Opfer, die Überlebenden, sind Zeugen. Und es ist dringend Zeit, ihnen zuzuhören, anstatt sie für verrückt zu erklären. Das haben die Täter ihnen lange genug eingeredet.

Tipps zum Weiterlesen:

Adolf Gallwitz, Manfred Paulus: Pädokriminalität weltweit. Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 2009

Margaret Smith: Gewalt und sexueller Missbrauch in Sekten. Wo es geschieht, wie es geschieht und wie man den Opfern helfen kann. Kreuz, Zürich 1994

Claudia Fliß, Claudia Igney (Hrsg.): Handbuch Rituelle Gewalt. Pabst, Lengerich 2010

Kurt-Helmuth Eimuth: Die Sektenkinder. Missbraucht und betrogen. Erfahrungen und Ratschläge. Herder 1996

Quellen:

[1] Claudia Igney In: Claudia Fliß, Claudia Igney (Hrsg.): Handbuch Rituelle Gewalt. Pabst, Lengerich 2010, S. 67–104, hier: S. 69–71

[2] Margaret Smith: Gewalt und sexueller Missbrauch in Sekten, S. 62

[3] Margaret Smith: Gewalt und sexueller Missbrauch in Sekten, S. 206

[4] Caberta, Ursula: Schwarzbuch Esoterik. 2010 Gütersloher Verlagshaus

[5] Renate Schmidt: http://www.pinselpark.org/religion/sekten/auflist.html

[6] http://gerhard-kassing.blogspot.de/2013/04/freikirchliche-christen-prugeln-ihre.html

[7] Renate Schmidt: http://www.pinselpark.org/religion/sekten/auflist.html

[8] Renate Schmidt: http://www.pinselpark.org/religion/sekten/auflist.html

[9] Renate Schmidt: http://www.pinselpark.org/religion/sekten/auflist.html

[10] http://www.bbs-wertheim.de/bvg_1.html

 

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