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Beijing Time:  
Ein Aussteiger aus der Sekte Zwölf Stämme erzählt
2016-11-21   Badische Zeitung      

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Wenn es mal nicht so gut läuft, denkt Robert Pleyer: Das muss die Strafe Gottes sein. Nach 20 Jahren hat Pleyer 2011 die Sekte Zwölf Stämme verlassen – mit seinen vier Kindern, ohne seine damalige Frau Shalomah.

Inzwischen hat der Aussteiger zwar viel verarbeitet. Mit dem radikalen Gedankengut der Gemeinschaft hat er aber immer noch zu kämpfen. Jetzt ist Pleyers Buch "Der Satan schläft nie" (Droemer-Knaur Verlag) erschienen. Julia Gross spricht mit Robert Pleyer über seine Zeit in der Gemeinschaft und sein neues Leben in Freiheit.

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BZ: Herr Pleyer, nach einem gescheiterten Austrittsversuch 2009 haben Sie die Gemeinschaft 2011 endgültig verlassen. Wieso haben Sie ausgerechnet jetzt ein Buch geschrieben?

Pleyer: Eine Psychologin, die nach unserem Austritt meine Kinder begutachtet hat, meinte, es wäre gut, Dinge aufzuschreiben. Dann kann man damit abschließen. Ich habe das aber vor mir hergeschoben. Letzten Herbst war ein guter Zeitpunkt, um zu starten. Ich hatte eine neue Partnerin und damit auch die nötige Rückendeckung. Über den Winter haben wir uns mit dem Buch beschäftigt, zusammen mit dem Autor Axel Wolfsgruber. Es war eine tiefe therapeutische Arbeit. Ich musste mich dabei mit Themen auseinandersetzen, die ich verdrängt hatte.

BZ: In Ihrem Buch berichten Sie davon, wie Sie und andere Mitglieder Kinder der Gemeinschaft mehrmals am Tag mit der Rute schlagen oder ihnen jegliches Spielzeug wegnehmen. Die Zwölf Stämme schreiben nun auf ihrem Newsblog, Ihr Buch würde ein ganz falsches Bild der Glaubensgemeinschaft in die Öffentlichkeit tragen. Was denken Sie darüber?

Pleyer: Ich kenne diese Anschuldigungen. Schon während meiner Zeit innerhalb der Zwölf Stämme war es schwierig für mich, dass nach außen ein ganz anderes Bild gezeigt wird. Ich habe immer wieder gefragt, wieso wir nicht zu unserer Überzeugung und zu dem, was wir leben, stehen können. Die Leute, die wir auf Festivals oder Veranstaltungen angesprochen haben, stellten natürlich immer wieder Fragen. Zum Beispiel: Stimmt es, dass Ihr Eure Kinder schlagt? Da wurde dann gesagt: ,Ach, ein Klaps auf den Po ist doch normal.’

BZ: Wie wirbt die Gemeinschaft auf solchen Veranstaltungen?

Pleyer: Man versucht, einen Teil des Lebens in der Gemeinschaft auszudrücken – zum Beispiel durch Tanz. 80 Prozent der Leute gehen natürlich vorbei und halten die Mitglieder für Deppen, aber ein paar wenige lassen sich auf Gespräche ein.

BZ: Auch Sie wurden 1990 auf einem Festival angesprochen. Wie verlief der erste Kontakt mit den Zwölf Stämmen?

Pleyer: Das war auf einem alternativen Hippie-Treffen in Österreich. Dort trafen Menschen aus verschiedenen Ländern und Welten zusammen und stellten ihre alternativen Lebensweisen vor. Zwei Mitglieder der Zwölf Stämme aus Südfrankreich haben mich dann angesprochen. Natürlich sei das göttliche Fügung, sagten sie. Ein halbes Jahr später hatte ich mir eine Liste gemacht mit den alternativen Lebensformen, die ich testen wollte. Die Zwölf Stämme standen ganz oben auf der Liste und haben mich dann von ihrer Lebensform sofort begeistert.

BZ: Das Leben in der Gemeinschaft besteht zum großen Teil aus Verzicht. Zucker, Zigaretten, Alkohol, CDs, Romane – alles, was Spaß macht, soll vom Satan sein und ist damit verboten. Weltliche Freuden sollen die Menschen vom gottgefälligen Weg abbringen. Was kann einem denn daran begeistern?

Pleyer: Alle waren erst mal freundlich, freuten sich und umarmten mich, geben einem zunächst ganz viel Bestätigung und Aufmerksamkeit. Ich habe in einer Bäckerei gearbeitet – mit großem Ofen, der mit Holz beheizt wurde. Das hat mir Spaß gemacht. Es gab einen Biogarten und Tipis. Es hatte einen unglaublich alternativen Touch. Am Anfang wusste ich ja auch nicht, was da im Hintergrund läuft. Außerdem hat sich sehr viel verändert. Die Regeln sind in den Jahren immer strikter geworden.

BZ: Als Leserin bin ich immer wieder hin- und hergerissen – zwischen völligem Unverständnis und Entsetzen auf der einen Seite und Mitleid auf der anderen. Sie haben immer wieder gezweifelt und sind doch 20 Jahre lang geblieben. Wieso?

Pleyer: Ich habe während meiner Zeit dort viele Gespräche geführt, und angefangen, den Menschen zu glauben. Ich habe vertraut, dass das richtig ist. Mir wurde immer wieder gesagt, dass es mir gut gehen würde, wenn ich mich nur erretten lasse. Bei diesen Gesprächen werden Schuldgefühle hervorgerufen – es ist diese bestimmte Art, wie bei den Zwölf Stämmen mit den Leuten gesprochen wird. Das bringt einem an den Punkt zu denken, man muss sein Leben abgeben. Ich hatte wegen verschiedener Dinge ein schlechtes Gewissen – hatte Auseinandersetzungen mit meinem Vater, bei denen ich sehr verletzend war. Und solche Dinge belasten junge Menschen und machen sie angreifbar. Außerdem ist ein Ausstieg nicht leicht.

BZ: Ihre damalige Frau Shalomah ist in der Sekte geboren, ihre Eltern haben ihr also von klein auf beigebracht, blind zu gehorchen. Hat Shalomah deshalb den Ausstieg nicht geschafft?

Pleyer: Ich denke schon. Es ist ja schon schwer, wenn man nur einige Jahre in der Gemeinschaft gelebt hat. Aber Shalomah hat nie gelernt, eigenständig zu denken und für Dinge Verantwortung zu übernehmen. 2009 haben wir zum ersten Mal versucht, auszusteigen. Damals gemeinsam. Aber Shalomah kam nicht zurecht. Sie war ständig von Ängsten und einem schlechten Gewissen geplagt. Shalomah hatte Angst, etwas Gottloses zu tun. Sie lebte mit der Angst, dass Gottes Strafe sie augenblicklich heimsucht. Ihr wurde beigebracht, dass ein Leben außerhalb der Zwölf Stämme Sünde ist und Gott sich dafür rächen wird. Auch ich habe heute noch Situationen, in denen mich die Angst heimsucht. Als meine neue Freundin kürzlich wegen Nierenproblemen ins Krankenhaus musste, brach für mich erst mal alles zusammen und ich habe sofort wieder daran gedacht, dass das jetzt die Strafe sein könnte, die mir von den Zwölf Stämmen prophezeit wurde.

BZ: Nach vier Monaten sind sie dann gemeinsam zurückgekehrt, wurden aber durch die Gemeinschaft von Ihrer Familie getrennt. Wieso?

Pleyer: Als ich 2009 nach vier Monaten in Berlin wieder zurück bin, konnte ich nicht mehr richtig mitspielen. Für die Sekte war ich ein Unruheherd. Nachdem Shalomah schwanger wurde, hat die Gemeinschaft mich von meiner Familie getrennt. Shalomah hat nach der Geburt starke Depressionen gekriegt. Da haben die Ältesten, die alles entscheiden, mir erlaubt, sie zu sehen. Bei einer Besprechung, bei der meine Frau auch dabei war, wurde dann diskutiert, wieso sie krank geworden ist. Im Prinzip sollte ich der Schuldige sein. Ich wollte das nicht akzeptieren, wollte gehen und Shalomah sollte mitkommen. Die Ältesten haben sie dann schnell in ein anderes Zimmer gebracht, ich habe unsere vier Kinder mitgenommen. Shalomah ist zwar nachgekommen, aber durch den Kontakt zu ihren Eltern auch schnell wieder zur Sekte zurück.

BZ: Sie haben den Ausstieg geschafft. Spielen die Zwölf Stämme trotzdem noch eine Rolle in Ihrem Leben?

Pleyer: Ja, ich quäle mich wirklich durch. Ich lasse immer mehr los. Am Anfang hält man sehr stark fest an Sachen, weil man das so gewöhnt ist. Man muss sich aber immer wieder neu positionieren. Ich frage mich oft: Warum mache ich das? Esse ich das jetzt nicht, weil ich dahinterstehe oder weil mir das von den Zwölf Stämmen so beigebracht wurde? Zu essen gab es zum großen Teil Hirse und Vollkornprodukte. Wir durften bei den Zwölf Stämmen auch keine Milch trinken, auch Milchprodukte wie Butter waren verboten. Joghurt war okay. Heute muss ich mich immer noch zurückhalten, wenn dann mal eine Tüte Milch auf dem Küchentisch steht.

BZ: Bei den Zwölf Stämmen haben Sie auch als Lehrer gearbeitet. Sie haben Ihre Schüler und Ihre eigenen Kinder gezüchtigt. Was bewirkt das heute in Ihnen?

Pleyer: Vor allem Trauer. Aber es spornt mich auch an, jetzt besser zu sein. Schläge sind eine recht einfache Methode, Kinder in Schach zu halten. Die sind dann brav und ruhig. Es ist wesentlich anstrengender, Kinder zu haben, die sich freier bewegen, wo man mehr Dynamik erlaubt. Früher war das anders. Da waren die ganz ruhig, und wenn nicht, gab’s die Züchtigung. Die Kinder wussten, was passiert, wenn sie bestimmte Sachen machen oder nicht machen. Aber das Schlagen ist nur ein Teil dieser Erziehung gewesen. Kinder werden in ihrem Willen gebrochen. Der ganze psychologische Apparat, der dahinter steht, ist das gefährliche. Der zerstört den Menschen in seinem Urmenschsein. Irgendwann sind die Kinder Geschöpfe, die keine eigenen Entscheidungen treffen können und nur innerhalb der Strukturen der Zwölf Stämme klarkommen.

BZ: Und dieser psychologische Apparat wirkt brutal. Stundenlang halten Sie zum Beispiel die Handgelenke Ihrer Tochter fest und versuchen, ihren Willen zu brechen. Wieso tut man so etwas?

Pleyer: Mit acht, neun Monaten entwickelt das Kind langsam eine eigene Dynamik. Da kommt ein eigener Wille auf. Deshalb werden alle Kinder bei den Zwölf Stämmen restraint, so nennt man dieses Stillhalten. Irgendwann, wenn man das Kind lange genug hält, bricht es in sich zusammen. Die Zwölf Stämme sagen, das ist der Punkt, wo das Kind sich der Autorität untergeordnet hat. Und das ist das Ziel und die Aufgabe der Eltern. Die Mitglieder lehren ihre Kinder, dass sie nur durch das gottgefällige Leben in der Gemeinde dem Fegefeuer entgehen können. Dazu müssen sie gehorchen, die Eltern sind für das Verhalten verantwortlich. Kinder, die nicht ihren Eltern folgen, gelten als gestorben. Und diesen Tod wollen ihre Eltern mit allen Mitteln verhindern.

BZ: Bereuen Sie heute die Züchtigung Ihrer Kinder?

Pleyer: Bereuen ist das falsche Wort. Ich muss vielmehr aus den Fehlern lernen, die ich gemacht habe. Ich habe jetzt einen Ansporn, meinen Kindern was besonderes zu bieten. Ich kann das eigentlich nur akzeptieren als einen Teil von mir, ich will nach vorne schauen und mein Leben mit meinen Kindern gestalten und ihnen etwas mitgeben.

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