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Zeugin im Zwölf Stämme-Prozess: „Ich hatte keine Kindheit“
2016-09-23   人民法治网  Jan Kandzora    

Im Prozess gegen eine Lehrerin der Zwölf Stämme erhebt eine Zeugin neue Vorwürfe. Sie soll mehrere Kinder mit Ruten geschlagen haben. Was die Zeugin noch aussagte.

Autor Jan Kandzora

Im Prozess gegen eine Lehrerin der Zwölf Stämme erhebt eine Zeugin schwere Vorwürfe.

Eine Lehrerin hätte sie werden sollen, eine Lehrerin bei den Zwölf Stämmen. Dazu, sagt Lea S. *, habe sie auch eine Art Praktikum gemacht, als sie noch in der Glaubensgemeinschaft in Klosterzimmern lebte. Die Sekte durfte dort zuweilen eine eigene Schule betreiben, in der Kinder der Gemeinschaft unterrichtet wurden.

Doch Lea S., die an diesem Montag vor dem Landgericht Augsburg als Zeugin aussagt, hatte andere Pläne. 2010 stieg sie mit Anfang 20 aus den Zwölf Stämmen aus. Sie hatte innerhalb der Gemeinschaft geheiratet und ein Kind bekommen. „Ich wollte mein Kind nicht so erziehen, wie ich erzogen worden war“, sagt sie. „Ich wollte nicht, dass es so aufwächst.“ Nach kurzer Pause spricht sie weiter. „Ich wollte auch sehen, ob die Welt wirklich so böse war, wie sie es mir erzählt haben.“

Lea S. ist als Zeugin geladen. Auf der Anklagebank im Augsburger Landgericht sitzt nur wenige Meter entfernt eine Frau, die bei den Zwölf Stämmen tatsächlich Lehrerin war: Daniela M.*, 56 Jahre alt, kräftige Arme, die Haare zu einem langen Pferdeschwanz geflochten. Sie soll in Klosterzimmern mehrere Kinder mit Ruten geschlagen haben.

Vorwürfe, die "nicht ganz ohne" seien (Anmerkung der Redaktion : “nicht ganz ohne” ist während des Prozess die Angeklagte gefragt wird, ob sie mehrere Kinder mit Ruten geschlagen haben soll. Sie antwortet, “nicht ganz ohne.”)

Die körperlichen Züchtigungen räumt sie grundsätzlich ein. Im Januar wurde sie vor dem Nördlinger Amtsgericht zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener. Es war nicht das einzige Mal, dass ein Mitglied der Gemeinschaft für die Erziehungspraktik vor Gericht stand, Kinder mit Ruten zu schlagen. Doch in den anderen Fällen ging es immer um Bewährungsstrafen. Daniela M. sollte hingegen ins Gefängnis. Da sie dagegen Berufung einlegte und die Staatsanwaltschaft auch, wird seit April neu verhandelt.

Zu Beginn der Verhandlung hatte der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch verkündet, dass neue Vorwürfe gegen die Angeklagte auf den Tisch gekommen seien. Vorwürfe, die „nicht ganz ohne“ seien. Nun wurde klar, was er damit meinte: die Aussage von Lea S., der Aussteigerin. Zwei ihrer Geschwister haben bereits in mehreren Verfahren gegen die Zwölf Stämme als Zeugen ausgesagt, Lea S. spricht jetzt. Auch, wie sie sagt, als eine Art Vergangenheitsbewältigung. Sie schildert nicht nur, wie sie in den „Züchtigungsraum“ mitgenommen worden sei, um zu sehen, „wie das funktioniert“. Sie erzählt auch, was sie als Kind erlebte, als sie mit ihrer Familie Mitte der 1990er-Jahre bei Bremen lebte, wo die Sekte zu der Zeit einen Standort hatte.

Zeugin hatte Albträume in denen es um Schläge ging

Daniela M., sagt die Zeugin, sei dort als Erzieherin der Gemeinschaft tätig gewesen. Der Ältestenrat der Zwölf Stämme habe damals beschlossen, dass die Familie von Lea S. Hilfe brauche, etwa bei der Erziehung der Kinder. „Da wurde sie eingesetzt.“ Offenbar fungierte die Angeklagte in solchen Fällen als eine Art Ersatzmutter. Lea S. und ihre Schwester machten zu der Zeit ins Bett. Dafür, so schildert es die Zeugin nun, habe Daniela M. die Kinder gezüchtigt. „Sie sollte es uns sozusagen austreiben.“ Lea S. sagt, sie habe sich widersetzt und dafür nur noch mehr Schläge erhalten, von denen sie manchmal auch Striemen und blaue Flecken davongetragen habe. Als Strafe sei ihr zudem verboten worden, warm zu duschen. Sie habe auch beobachtet, wie ihr damals zwei Jahre alter Bruder von der Angeklagten auf den nackten Po geschlagen wurde.

Spurlos vorüber ging die Zeit an Lea S. nicht. „Ich hatte keine Kindheit“, sagt sie. Vor vier Jahren seien bei ihr post-traumatische Belastungsstörungen diagnostiziert worden, die sie auf die damalige Zeit zurückführt. „Ich hatte dissoziative Zustände, Albträume.“ Albträume, in denen es um Schläge ging. Immer noch sei sie in Behandlung, sagt sie.

Am Mittwoch wird die Verhandlung fortgesetzt.

*Namen geändert

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